People-Pleasing: Wenn Anpassung Sicherheit geben soll

Haben Sie schon einmal eine Nachricht verschickt und sich unmittelbar danach gefragt, wie sie wohl angekommen sein könnte? War das zu direkt? Hat die andere Person meinen Tonfall falsch verstanden? Warum hat sie noch nicht geantwortet? Oder jemand wirkt bei einem Treffen etwas distanziert, und sofort beginnt der Kopf nach einer Erklärung zu suchen: Habe ich etwas Falsches gesagt? Ist die Person genervt von mir? Sollte ich mich entschuldigen?

Bei manchen Menschen läuft diese Art der Selbstbeobachtung fast automatisch ab. Eine Veränderung im Tonfall, eine verzögerte Antwort oder ein Gesichtsausdruck kann das Gefühl auslösen, dass etwas nicht stimmt und dass es an ihnen liegt, dies wieder in Ordnung zu bringen. Dann wird schnell angepasst, beruhigt, geholfen oder nachgegeben. Man sagt Ja, obwohl man Nein meint, unterdrückt den eigenen Ärger oder überlegt sehr genau, was man sagen darf, ohne jemanden zu verärgern.

Wenn Rücksichtnahme zur Strategie wird

Rücksicht und Empathie sind wichtige Bestandteile guter Beziehungen. Problematisch wird es, wenn Anpassung nicht mehr aus einer freien Entscheidung heraus geschieht, sondern dazu dient, sich sicher zu fühlen. Vielleicht beobachten Sie die Stimmung anderer sehr genau und versuchen früh zu erkennen, was jemand braucht. Dabei geraten die eigenen Fragen leicht in den Hintergrund: Was möchte ich eigentlich? Was denke ich? Was fühlt sich für mich richtig an?

Der Begriff Fawning beschreibt ein solches Muster: Auf wahrgenommene zwischenmenschliche Bedrohung wird mit besonderem Entgegenkommen, Anpassung oder Hilfsbereitschaft reagiert. Wer früh gelernt hat, die Stimmung anderer genau zu beobachten, Konflikte zu vermeiden oder sich möglichst wenig angreifbar zu machen, kann diese Strategie auch später noch einsetzen - selbst wenn die aktuelle Situation eigentlich sicher ist. Die zugrunde liegende Überzeugung kann dann lauten: „Wenn die andere Person mit mir zufrieden ist, bin ich in Ordnung.“

Wenn Unsicherheit zu Gewissheit wird

Besonders anstrengend wird es, wenn wir ständig versuchen herauszufinden, was andere denken oder fühlen. Jemand antwortet nicht auf eine Nachricht. Vielleicht ist die Person beschäftigt, hat es vergessen oder gerade keine Energie für ein Gespräch. Trotzdem kann sich der Gedanke schnell festsetzen: „Sie ist sauer auf mich.“ Die entscheidende Frage ist nicht, ob diese Interpretation möglich ist, sondern: Weiss ich das tatsächlich? Zwischen „Vielleicht ist die Person verärgert“ und „Sie ist verärgert und ich muss etwas dagegen tun“ liegt ein wichtiger Unterschied. Der erste Gedanke lässt Unsicherheit zu, der zweite macht daraus eine Aufgabe.

Von Anpassung zu Authentizität

Der Ausstieg aus dem People-Pleasing bedeutet nicht, weniger fürsorglich zu werden. Es geht darum, bewusster zu unterscheiden: Passe ich mich gerade an, weil ich es wirklich möchte – oder weil ich Angst vor der Reaktion des anderen habe? Eine kleine Pause kann dabei viel verändern. Bevor Sie Ja sagen, fragen Sie sich: Möchte ich das tatsächlich? Bevor Sie sich entschuldigen: Habe ich wirklich etwas getan, das ich bereue - oder möchte ich nur verhindern, dass die andere Person verärgert ist? Und wenn Sie wieder versuchen, die Gedanken eines anderen zu erraten: Was weiß ich tatsächlich - und was nehme ich nur an? Diese Fragen schaffen Abstand zwischen dem inneren Alarm und der gewohnten Reaktion. In diesem Abstand entsteht Wahlfreiheit.

Wenn Authentizität sich unangenehm anfühlt

Sich selbst treu zu bleiben bedeutet nicht, dass alle anderen immer mit Ihnen zufrieden sein werden. Manchmal werden Sie Nein sagen, anderer Meinung sein, eine Grenze setzen oder jemanden enttäuschen. Das kann sich unangenehm anfühlen – und trotzdem richtig sein. Statt sich dann vor allem zu fragen, ob die andere Person mit Ihnen zufrieden ist, können Sie den Blick auf sich selbst richten: „Bin ich damit zufrieden, wie ich mich hier verhalte?“

Denn gesunde Beziehungen brauchen nicht ständige Harmonie. Sie brauchen Raum dafür, ehrlich zu sein, eigene Bedürfnisse zu haben, unterschiedlicher Meinung zu sein und auch einmal den anderen zu enttäuschen – ohne dass gleich die Verbindung infrage gestellt wird.

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